BLOG

Beste Zeit für Hochtouren

Aktualisiert: 18. Sept.

Wann geht denn der Mont Blanc erfahrungsgemäß am besten? Wann sollte ich den Biancograt machen? Wie sind die Bedingungen im September für eine Hochtour auf…? Mit solchen und ähnlichen Fragen sehen wir uns immer häufiger konfrontiert, vor allem als Bergführer und Bergführerinnen. Dabei sind diese Fragen mittlerweile gar nicht leicht zu beantworten und Pauschalaussagen werden zur Rarität. „Des kannst im August auf jeden Fall noch gehen“- kannst in den meisten Fällen eher nicht mehr…!


In meiner Anfangszeit als Bergsteiger war die Tourenplanung einfach. Im Winter Skitouren und Eisklettern, im Sommer Alpinklettern und Hochtouren, so ungefähr. Natürlich war das Wetter immer schon entscheidend, aber dennoch haben wir uns viel weniger den Kopf über die Verhältnisse zerbrochen als jetzt. Rückzüge waren hier und da auch mal dabei, aber wir haben´s immer erstmal probiert.

Über die Jahre sammelte ich dann meine Erfahrungen und Erlebnisse und lernte durch die ein oder andere alpine Ausbildung noch einiges dazu. So, und heute finde ich mich wieder – mir über Karten, Büchern und Berichten den Kopf zerbrechend, welche Tour wie, wann und mit wem möglich ist…?!



Auf der einen Seite ist es ja ein natürlicher Weg, dass man erstmal (teils blauäugig) Erfahrungen sammelt, irgendwann seine Ziele konkretisiert und dann genauer plant. Man gründet außerdem vielleicht noch eine Familie, übernimmt Verantwortung für andere Menschen und möchte sich seine endliche Zeit bestmöglichst einteilen. Irgendwie klar, dass man nicht mehr einfach so ins Blaue reinstartet und mal schaut was kommt.

Insbesondere der Sommer 2022 zeigt uns allerdings, dass auch noch eine weitere Komponente die Tourenauswahl erschweren kann – nämlich die aktuellen Verhältnisse! Diese entscheiden gerade auf Hochtour maßgeblich darüber, wie schwer und anspruchsvoll ein Ziel zu erreichen ist, beziehungsweise wie groß dabei die potentielle Gefahr ist.



Herausforderungen gibt es auf Hochtour einige. Hier kommt gerne mal alles zusammen, was einen in den Bergen so fordern kann: Steinschlag, Gletscherspalten, exponiertes Gelände, Eisschlag, Gewitter, Hitze, Höhe, Kälte, schwerer Rucksack, frühes Aufstehen, Orientierung, Absicherung etc.! Es ist also viel Erfahrung, gutes Einschätzungsvermögen und ein solides Risikomanagement gefragt um hier langfristig erfolgreich und sicher unterwegs zu sein. Kein Wunder, dass Hochtourenkurse und /-führungen die Haupttätigkeit für viele Bergführer:innen im Sommer sind.



Grundsätzlich sind diese Herausforderungen ja nichts Schlechtes! Ganz im Gegenteil, sie sind mitunter verantwortlich dafür, dass wir Hochtouren als ganz besondere Bergerlebnisse empfinden. Am Ende haben wir abseits von unserem überversicherten Alltag etwas geschafft, was nicht alltäglich ist, nicht leicht zu erreichen war und somit ein besonderes Erlebnis darstellt!



Was aber, wenn die Herausforderungen zur wahrhaften Gefahr werden? Schneearme Winter, dünne Brücken in Spaltenzonen, massiver Steinschlag, umstürzende Grattürme, Erdrutsche, Eisschlag, Eislawinen, Absturzgefahr durch blanke Gletscherhänge und sogar ganze Bergstürze – tja, dann befinden wir uns wohl oder übel in der heutigen Zeit!


Im Hochtourensommer 2022, bedingt durch den schneearmen Winter und eine extreme Hitzewelle, sind diese Dinge allesamt Realität geworden. Aber auch in den Jahren zuvor schon wurden die schwierigen Bedingungen immer mehr zum Thema für uns. Als logische Konsequenz werden Routen gesperrt und Hütten vorübergehend geschlossen. Damit aber nicht genug, auch in den Nachrichten und den sozialen Medien wird die breite Masse über die heiklen Bedingungen informiert und aufgeklärt. Der Bürgermeister der Obhutsgemeinde des Mont Blanc Normalweges forderte sogar öffentlich von jeder Person, die den Berg besteigen möchte eine Kaution in Höhe von 15000 €, wohl nicht zuletzt um den Wahnsinn an diesem Berg etwas einzudämmen.

„Dies ist vermutlich der kälteste Sommer für den Rest unseres Lebens“


Wenn man diesem Zitat folgt und nun noch betrachtet, dass die kommenden Winter immer schneeärmer und die Sommer immer heißer werden sollen, dann sind die Aussichten für eingefleischte Hochtourenfans nicht gerade rosig! Anders gesagt, die Phasen in denen bestimmte Hochtouren noch sicher beziehungsweise mit angemessenem Anspruch durchgeführt werden können werden immer rarer! Durch die sozialen Medien wird dann außerdem Gott und die Welt darüber informiert sein, dass die aktuellen Bedingungen gerade gut sind, was seine ganz eigenen Probleme mit sich bringt…


Sollte man also besser Pickel und Steigeisen an den Nagel hängen? – Nicht unbedingt! Man sollte sich allerdings bewusst machen, dass die Infos aus der Führerliteratur und die Erzählungen vom Opa nicht mehr mit der heutigen Zeit zusammenpassen. Zum Beispiel sind „leichte“ Viertausender vielleicht gar nicht mehr so leicht zu erreichen wie angepriesen… Die Bedingungen werden vielfach anspruchsvoller und manche Touren sollte man vielleicht sogar lieber ganz von der Wunschliste streichen.


Wir können darauf reagieren indem wir uns durch gute Ausbildung und Training vorbereiten. Eine solide Steigeisen- und Pickeltechnik wird sicher wertvoller denn je im ausgeaperten Gletschergelände! Ebenso sollten bestimmte Sicherungstechniken für den Auf- und Abstieg beherrscht werden. Eine solide Tourenplanung, Aufmerksamkeit und gutes Risikomanagement gewinnen an Bedeutung! So sieht´s aus.



Wir können aber auch darauf reagieren indem wir etwas flexibler mit unserer Tourenplanung werden. Hochtouren werden oft Monate im Voraus geplant und möglicherweise passen die Bedingungen dann gerade nicht. Es kann auch schlichtweg einfach schlechtes Wetter sein, das Ergebnis ist am Ende ähnlich: Wenn wir die Tour durchboxen, klappt gar nix oder es wird gefährlich… Man könnte sich stattdessen zum Beispiel mehr aufs Klettern konzentrieren und sich alternativ in niedrigeren Gefilden am Fels austoben. Das ist auch insofern sinnvoll, weil Hochtourengelände in Zukunft mehr und mehr fels- lastig wird! In schlechtem Wetter oder bei schlechten Bedingungen unterwegs zu sein macht zudem einfach keinen Spaß! Das allein ist schon Grund genug um umzuplanen…


Die Warnungen über die Medien haben in diesem Sommer jedenfalls vielerorts Wirkung gezeigt! Wer noch unterwegs war, kannte sich aus - oder hatte keinen Plan von garnix…


Hochtouren bleiben weiter spannend und reizvoll für sehr viele Leute, da bin ich mir sicher. Bekannte Berge und Superlativen haben einfach eine große Anziehungskraft! Für die Anzahl an Menschen, welche sich im Hochgebirge tummeln passiert eh noch recht wenig. Das ist teilweise sicher der Tatsache geschuldet, dass sich im Hochtourenbereich viele Leute nur einer ausgebildeten Person anvertrauen.

Wer wenig Erfahrung hat, sollte auch in Zukunf gut überlegen wo und vor allem wann es auf Tour gehen soll. Ein professioneller Rat oder vielleicht sogar die Begleitung durch einen Profi kann dabei sinnvoll sein.

Zweifelsohne wird man unter der Berücksichtigung einiger dieser Punkte auch in Zukunft noch tolle Hochtouren erleben können. Nur eben anders als bisher…