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Durch die Watzmann Ostwand mit einem 75-Jährigen

"Eine beeindruckende Leistung!"- Das finde ich noch heute, wenn ich an die Tour über den Berchtesgadener Weg mit meinem Gast, nennen wir ihn Fridolin, denke...

Und das hat seinen Grund: Denn Fridolin war zum Zeitpunkt unserer Unternehmung bereits 75 Jahre alt und nicht mehr in der Blüte seines Lebens. Ich hatte meine Karriere als junger Bergführer gerade begonnen und mir bezüglich des Alters meines Gastes eigentlich keine Gedanken gemacht. Bis er mich kurz vor der Tour anrief: Er wollte mir nochmals persönlich mitteilen, dass er bereits 75 Jahre alt ist! Damit ich weiß womit ich es zu tun habe und ich mich entsprechend darauf einstellen könne. Er traue sich die Tour aus seiner Sicht aber zu und habe bereits viel Erfahrung in den Bergen gesammelt. Gut, dachte ich zuerst, dann fing ich an nachzudenken und es keimten die Zweifel in mir!

Ich selbst hatte die Ostwand zu diesem Zeitpunkt erst einmal durchstiegen, konnte mich aber noch sehr genau an alles erinnern - und genau das war das Problem. Mir wurde also sehr schnell bewusst, was da auf den"alten" Mann zukommt. Die Kletterei bis zum oberen dritten Schwierigkeitsgrad ist bestimmt kein großes Ding, aber der Rest: Das frühe Aufstehen, über 2000Hm im Aufstieg, und genauso im Abstieg, über Stunden hinweg konzentriert bleiben, wenig zu trinken, und umkehren ist da alles andere als einfach...

Jetzt ging mir der Arsch auf Grundeis. Nach einigem Grübeln dachte ich aber: Der Mann hat 75 Jahre Lebenserfahrung, also fast 50 Jahre mehr als ich, der wird schon wissen worauf er sich da einlässt. Und genau so war es auch!

Wir trafen uns am üblichen Parkplatz an der Wimmbachbrücke, begrüßten uns, checkten die Ausrüstung und fuhren mit einem Auto weiter zum Königssee. Von dort aus ging es mit einer der letzten Elektro-Fähren rüber nach St. Bartholomä. Beim Abendessen in der Wirtschaft auf der Halbinsel lernten wir uns besser kennen und mir wurde bald klar, dass ich es mit einem äußerst liebenswerten und bergbegeisterten Menschen zu tun habe. Wir verstanden uns auf Anhieb und stellten fest, dass wir beide in unserer Freizeit gerne mit Holz werkeln. Später erzählte er mir, die Ostwand fehle ihm noch und er spielte schon lange mit dem Gedanken die Tour noch in Angriff zu nehmen.

Jetzt war es soweit!

Nach der Abfahrt der letzten Fähre Richtung Königssee kehrt auf St. Bartholomä schnell Ruhe ein. Nur die Ostwand-Aspiranten haben die Erlaubnis im Nationalpark im eigens dafür bestimmten Ostwandlager zu übernachten.

Nach einer einigermaßen erholsamen Nacht ging es bei Dunkelheit los. Die Wegfindung war kein Problem und wir überholten ziemlich bald andere Bergsteiger, die sich damit schwerer taten. Jetzt waren wir die Ersten. Sobald das Gelände schwieriger wird und man sich im absturzgefährdeten Bereich bewegt, legt der Bergführer dem Gast üblicherweise das Seil an. Auch wenn man dieses nicht permanent als Sicherung benötigt, ist es doch meist die einzige vernünftige Möglichkeit handlungsfähig zu bleiben.

Der Fridolin wollte aber zu Beginn nicht so recht mitziehen. Er war der Ansicht, dass es das nicht braucht und dass er mir lieber so hinterher klettert. Puuh, dachte ich, das taugt mir nicht so sehr. Aber naja, er wird schon wissen was er macht. Ich willigte ein unter der Voraussetzung, dass wir das Seil zur Sicherung verwenden sobald ich es für nötig halte. Check, passt! Und weiter gings...

Bereits kurz danach bereute ich meine Entscheidung. Es ging ausgesetzt über nasse Plattenstellen dahin und ich merkte erst mitten drin, dass das nicht des Fridolins täglich Brot war.

Fridolin konnte trotz seines Alters flüssig und z klettern und erntete von mir dafür immer mehr Respekt. Irgendwann hatte ich gar keine Zweifel mehr, dass ich ihn sicher auf den Gipfel bringen würde. acher wurde und ich wusder eigentlich nirgendwo hin abstürzen konnte "befreite" ich ihn wieder vom Seil.

An einer schwierigen Stelle war er dann auch mal sehr froh um die Seilsicherung als es kurz brenzlig wurde. Von diesem Moment an hatte ich dann kein schlechtes Gewissen mehr ihn "ungefragt" ans Seil zu nehmen!

Der weitere Aufstieg verlief ohne Zwischenfälle und wir konnten die Ostwand bei besten Bedingungen genießen. Gefühlt waren wir alleine unterwegs. Nur ab und an, wenn der Blick weiter nach unten reichte, konnten wir unsere Verfolger sehen.

Einige Zeit später bekam ich Post von ihm. Er bedankte sich nochmals für das tolle Erlebnis und schickte mir zwei selbst gedrechselte Gegenstände - eine Holzschale und einen Flaschenöffner. Eine großartige Geste über die ich mich bis heute sehr freue.

Als wir dann die Südspitze in knapp unter 7 Stunden (einer durchaus passablen Zeit) erreichten, spürte ich, dass mein Gast sehr zufrieden mit sich war! Das stimmte mich natürlich auch glücklich und wir konnten den Gipfel bei bestem Wetter noch eine Zeit lang genießen.


Wer die Tour kennt, weiß was dann kommt! - Ein kräftezehrender, sehr langer Abstieg ins Tal!

Üblicherweise wählt man den Abstieg über den Südgipfel runter ins Wimmbachgries und geht dieses dann kilometerlang raus zum Parkplatz. So wie auch wir.

Ich begann also mit der mentalen Vorbereitung auf das nun Folgende und Fridolin musste sich ebenfalls vorbereiten. Er zog seine beiden Knienbandagen an, wohlwissend, dass jetzt das Leiden beginnt. Nach dem Aufstieg durch die gesamte Ostwand macht dieser Abstieg wirklich nur den wenigsten Spaß. Mein Gast war aber hart im Nehmen und biss sich gnadenlos durch.

Irgendwann flacht das Gelände ab und wird einfach. Man befindet sich nun im Wimmbachgries, einem wunderschönen weitläufigen Tal. Das nächste Ziel ist hier eindeutig die Wimmbachgrieshütte, in der man sich wohlverdient erfrischen und für den Weiterweg stärken kann.

So taten wir es auch und nach je einem Stück Kuchen und zwei Radlern traten wir in bester Laune den restlichen Weg zur Wimmbachbrücke an. Die Anspannung fiel nun entgültig auf beiden Seiten ab. Da man ab hier ohne groß nachzudenken nur noch einen Fuß vor den anderen setzen muss, konnten wir die letzten zwei Stunden mit netten Gesprächen über Gott und die Welt verbringen.

Dann lieferte ich Fridolin mit meinem Auto wieder am Parkplatz am Königssee ab und unsere Wege trennten sich.


Einige Zeit später bekam ich Post von ihm. Er bedankte sich nochmals für das tolle Erlebnis und schickte mir zwei selbst gedrechselte Gegenstände - eine Holzschale und einen Flaschenöffner. Eine großartige Geste über die ich mich bis heute noch sehr freue.


Seitdem bin ich noch mehrmals mit Gästen durch die Ostwand gestiegen und es waren immer gute Erlebnisse. Aber die Tour mit Fridolin wird mir sicher lange als besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben!