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Lawinenverschüttetensuche im Detail - 3.Szenario

Die Situation im letzten Beitrag war schon etwas anspruchsvoller, im dritten Szenario wird es nochmals interessanter! Hier der Link zum Beitrag mit der genauen Beschreibung.


Zur Erinnerung: Sechsköpfige Gruppe löst bei der Abfahrt eine Lawine aus, zwei werden total verschüttet, bei einer Person schaut noch die Hand heraus, die anderen Drei können sich schnell selbst befreien...

Lösungsvorschlag:

Zuallererst verschaffen sich die drei nicht Verschütteten eine Überblick. Unmittelbar danach entdeckt eine:r der Drei die Hand, welche aus dem Schnee ragt. Eine:r übernimmt das Kommando und schafft folgendes an: Alle stellen ihre VS-Geräte auf ´Suchen´. Der "Einsatzleiter" (R1) setzt augenblicklich einen Notruf ab während sich eine weitere Person (R2) so schnell wie möglich zur sichtbaren Hand begibt, diese Person (V1) aus der Lawine befreit, deren Piepser ausschaltet sowie die Erstversorgung durchführt (Nach dem Notruf wird sie unterstützt von R1).

Die Dritte Person (R3) führt zeitgleich eine systematische Signalsuche durch, beginnend an der Ecke des Lawinenfeldes, welche am ehesten erreichbar ist und zugleich am weitesten von V1 entfernt (wegen Signalüberlagerung).

Aufgrund der Kürze der Verschüttungsdauer nehmen wir an, dass diese teilverschüttete Person (V1) bei Bewusstsein ist und stabil. Somit ist es verantwortbar, dass die beiden Retter:innen (R1,R2) nun dem Dritten (R3) zur Hilfe kommen und diesen ggf. noch mit Signal-, Grob-, und Feinsuche unterstützen, ansonsten mit Punktortung und Ausgraben.

Läuft alles ideal und schnell und die Feinsuche ergibt einen geringen Annäherungswert, dann kann das Signal dieser Person (V2) über die Markierfunktion des Retter:innen-VS-Gerätes ausgeblendet werden und die Signalsuche nach der dritten verschütteten Person (V3) kann beginnen.

Ist V2 ausgegraben, erstversorgt und stabil, können R1 + R2 auch die Rettung von V3 unterstützen und hier ebenso vorgehen bis auch diese Person aus der Lawine gerettet ist.

Je nach Zustand und Verletzungsmuster bzw. Verschüttungsdauer von V1,V2 und V3 werden nun die weiterversorgenden Maßnahmen unternommen...


Kommentar:

Hier handelt es sich um eine sehr unschöne und sehr komlexe Situation, die in der Realität mit höchster Wahrscheinlichkeit zu einem oder mehreren Unglücksfällen führt.

Hier liegt im Vorfeld ein kapitaler Fehler im Risikomanagement vor! Wenn man taktisch klug agiert, dann sollten fragliche oder kritische Passagen immer einzeln oder in Abständen befahren werden.

Eine Mehrfachverschüttung ist ein äußerst ungünstiges Ereignis! Allein deswegen und letztlich auch um das ´worst-case-scenario´ (nämlich das alle verschüttet werden) zu vermeiden, ist es ratsam dieses Vorgehen zu beherzigen!

Über die tatsächlich beste Vorgehensweise und Aufgabenverteilung in diesem Szenario kann man sehr viel und ausschweifend diskutieren. Fakt ist, dass man es mit Gewissheit in der Situation selbst nicht sagen kann. Eventuell erfährt man erst im Nachhinein, was bzw. ob etwas besser hätte laufen können. Oder man erfährt es gar nicht.

Meiner Ansicht nach kann man nur nach bestem Wissen und vor allem Gewissen handeln. Und das beinhaltet für mich grundsätzlich das Sicherstellen der Rettung derer, die man als erstes findet. Ist eine gerettete Person stabil, dann sollte umgehend nach weiteren Verschütteten gesucht werden.

Ist eine gefundene Person nicht stabil und muss beispielsweise wiederbelebt werden, dann befinden wir uns in einem Bereich für den es in diesem Beispiel keine Lehrmeinung geben kann. Hier spielen dann derart viele persönliche Faktoren und individuelle Gefühlslagen eine Rolle, das man meiner Meinung nach keine klare Empfehlung geben kann.

Nur mal hypothetisch: Meine Frau wäre V3, ich R1. Bei V2 würde nach dem Ausgraben keine Atmung und kein Puls festgestellt und V2 müsste somit reanimiert werden. V3 ist aber noch nicht gefunden und der Zustand meiner Frau noch unklar. Dann würde ich trotz benötigter Kräfte bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung von V2 zweifellos jede Chance verfolgen meine Frau noch zu finden und zu retten. Wäre allerdings meine Frau V2, dann würde ich ihr nicht von der Seite weichen...

Der Mensch bleibt ein Mensch und deshalb werden in derartigen Situationen immer Emotionen mitspielen!

Aus diesem Grund wäre es anmaßend zu behaupten, man wüsste die perfekte Vorgehensweise.

Beispielhaft hier zwei Faktoren, welche den Ablauf der Rettung beeinflussen könnten:

  • V1 ist nicht stabil und benötigt eine lückenlose Versorgung durch mind. eine Person

  • V2 ist sehr tief verschüttet (>1m)

Es ist keine schöne Vorstellung sich in dieses Szenario hineinzuversetzen! Man sollte in diesem Zustand auch nicht allzu lange verweilen, die Freude an der eigentlichen Sache sollte darunter nicht leiden!


Beim Skitourengehen, Splitboarden und Freeriden ist die Lawinengefahr immer ein Thema und wird es auch immer bleiben.

Gute Vorbereitung und risikonbewusstes Entscheiden sind hier einfach Trumpf!


In meinem Schlussplädoyer schließe ich meine Blog-Beitragsserie ab.


CHECK IT OUT! >>> Letzter Beitrag zum Thema


Infos zu einem Lawinenkurs findet ihr hier.